Russland

Russlands Ferner Osten ist für Russland nur noch Osten und nicht mehr fern

Lange Zeit hat der Ferne Osten als das Ende Russlands gegolten. Inzwischen ähnelt er jedoch immer mehr seinem Anfang: Es entstehen neue globale Routen, es werden groß angelegte Produktionsprojekte umgesetzt sowie zahlreiche Export- und Kooperationsketten aufgebaut. Vor allem gibt es jedoch eine neue Sicht auf die eigene Geografie.
Russlands Ferner Osten ist für Russland nur noch Osten und nicht mehr fernQuelle: Gettyimages.ru

Von Kirill Strelnikow

Gestern hielt der russische Präsident Wladimir Putin am Rande des Östlichen Wirtschaftsforums (EEF) in Wladiwostok eine Sitzung zur Entwicklung des russischen Fernen Ostens ab.

Fasst man die Ergebnisse dieser Sitzung kurz zusammen, lässt sich sagen, dass man aus der Bezeichnung "Ferner Osten" das Wort "Ferner" nun getrost streichen kann.

Wie der russische Staatschef zu Beginn der Sitzung erklärte, sei es bei allen Diskussionen über den Fernen Osten stets darum gegangen, "das Wachstumstempo zu gewährleisten, um eine weitere Entvölkerung der Region zu verhindern, diese riesigen Gebiete für Russland nicht nur zu bewahren, sondern sie auch zu entwickeln, zu stärken und zu einem verlässlichen, zukunftsträchtigen Instrument für die Entwicklung Russlands insgesamt zu machen". Diese Aufgabe ist nach wie vor aktuell, und in dieser Richtung wurde bereits sehr viel getan – und noch mehr soll folgen. Genau aus diesem Grund lautet das Motto des aktuellen Forums: "Der Ferne Osten – Entwicklung zum Wohle der Menschen".

Dieses zentrale Thema spiegelt sich voll und ganz in der Umwandlung der bisherigen Strategie zur sozioökonomischen Entwicklung des Fernen Ostens und der Baikalregion für den Zeitraum bis 2025 in die neue Strategie zur sozioökonomischen Entwicklung des Föderationskreises Ferner Osten bis 2030 mit einer Prognose bis 2036 wider, deren Ausarbeitung die Regierung nun abgeschlossen hat.

Der wesentliche Unterschied zwischen der neuen und der bisherigen Strategie besteht in einem grundlegenden Kurswechsel: Statt der "beschleunigten wirtschaftlichen Entwicklung der Region", also einer rein wirtschaftlichen Ausrichtung, stehen nun der Mensch, seine Lebensqualität und seine Selbstverwirklichung im Mittelpunkt.

Wie der Direktor der föderalen autonomen Forschungseinrichtung "Östliches Zentrum für staatliche Planung", Michail Kusnezow, erklärte, gehe es dabei "nicht um Wirtschaft um der Wirtschaft willen, sondern um eine Wirtschaft, die bessere Lebensbedingungen für die Menschen schafft". Was bedeutet das konkret? Es bedeutet die Schaffung zahlreicher neuer, gut bezahlter Arbeitsplätze, ein komfortables Lebensumfeld und die umfassende Deckung des Bedarfs in den Bereichen Bildung, Gesundheitsversorgung, Freizeit sowie Sport und Bewegung. Hinzu kommen umfangreiche Maßnahmen zur demografischen und sozialen Unterstützung sowie eine "intelligente" Migration, in deren Rahmen der Ferne Osten zu einem neuen starken Anziehungspunkt für hoch qualifizierte Fachkräfte werden soll.

Man könnte einwenden, dass solche Ankündigungen schon früher gemacht wurden.

Kann sein, doch nun ist eine objektive Situation entstanden, in der der russische Ferne Osten geradezu dazu bestimmt ist, "durchzustarten". Für seine heutigen und künftigen Bewohner bietet sich damit die einmalige historische Chance, an der "großen Wiederentdeckung" des russischen Ostens mitzuwirken und ihn aus einer reichen, aber nur wenig erschlossenen Peripherie, die teilweise in der Zeit stehen geblieben ist, zu einem Motor und Vorbild für die innovative Entwicklung des gesamten Landes sowie zu einem neuen Tor Russlands zur Welt zu machen.

Genau davon sprach Wladimir Putin bei der Sitzung, als er betonte, dass es sich um ein "neues Entwicklungsmodell für den Fernen Osten und die Arktis" handele. Demnach sei nicht nur vorgesehen, sondern Schritt für Schritt geplant, "die Herausbildung einer hochtechnologischen und diversifizierten Wirtschaft, den Ausbau einer modernen Infrastruktur, die zur Verbesserung des Lebensumfelds und zu einem nachhaltigen Bevölkerungswachstum beiträgt, sowie die Sicherung einer Schlüsselrolle der Makroregion bei der Zusammenarbeit Russlands mit den Ländern des Asien-Pazifik-Raums um ein Vielfaches zu beschleunigen".

Es liegt auf der Hand, dass dies in starkem Kontrast zu der früheren Darstellung des Fernen Ostens steht, der oft mit negativen Begriffen wie "weit entfernt", "teuer", "raues Klima", "dünn besiedelt", "schwer erreichbar", "schwer zu bebauen" und "schwer zu bewohnen" beschrieben wurde. Nun wendet sich Russland endgültig dem Süden und Osten zu, was die gesamte Philosophie sowie die staatliche und private Denkweise in Bezug auf dieses Gebiet grundlegend verändert.

Die Entfernung dieser Region von Moskau wird durch die Nähe zu den größten Weltmärkten, neuen Verkehrsadern und -korridoren, globalen Logistikzentren, großen modernen Zentren für die tiefgreifende Verarbeitung natürlicher Ressourcen sowie Wissenschafts- und Technologieclustern kompensiert – das heißt, diese Nähe kann und muss nun in großem Maßstab monetarisiert werden, um gleich in vielerlei Hinsicht die Früchte zu ernten.

Russland war schon lange bereit für diesen Sprung – und das Schicksal hat es so gewollt, dass der Ferne Osten zum Sprungbrett wird – zum neuen "Goldenen Tor" Russlands. Nicht ohne Grund nehmen Vertreter aus 80 Ländern am aktuellen Forum teil, und das Programm umfasst sachliche und konkrete Dialoge nicht nur mit China, sondern auch mit Indien, Südkorea, der Mongolei, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Pakistan, der Türkei, den ASEAN-Staaten und weiteren Ländern. Die Partner sehen, dass im russischen Osten eine ganze Kette komplexer Wirtschaftsbereiche mit hoher Wertschöpfung entsteht – hochreines Kupfer, Methanol, Mineraldünger, die Verarbeitung von Ölsaaten, Pharmaindustrie, Wissenschafts- und Technologiezentren, Strominfrastruktur und Logistikzentren – und wollen ebenfalls an diesem starken Aufschwung teilhaben. Wie der russische Präsident bei der Sitzung erklärte, müsse "das Potenzial der fernöstlichen und arktischen Regionen weiter erschlossen und ihre Wettbewerbsvorteile, darunter die Nähe zu den globalen Zentren des Wirtschaftswachstums, effektiv genutzt werden".

Bezeichnend ist, dass die türkische Nachrichtenagentur Anadolu dem Thema der Sitzung mit Putin beim EEF einen ausführlichen Beitrag widmete, obwohl selbst die Türkei, gelinde gesagt, nicht gerade in der Nähe dieser Region liegt.

Dem Beitrag zufolge habe Russlands Abkehr vom Westen "der Region zusätzliches strategisches Gewicht verliehen" und "die Bedeutung des Fernen Ostens als Ziel für asiatische Investitionen und als (wichtigste) Route für russische Exporte gesteigert". Nach Angaben der Agentur wird im Rahmen des EEF die Unterzeichnung von 380 (!) Vereinbarungen im Gesamtwert von rund 75 Milliarden US-Dollar in Schlüsselbereichen erwartet. Das zeigt vor allem eines: In Russland entsteht ein neues Gravitationszentrum, das Geld, Ressourcen, Technologien und neue Möglichkeiten für Leben und Entwicklung aus aller Welt anzieht.

Nach den Worten des Direktors des "Östlichen Zentrums für staatliche Planung", Kusnezow, "reicht es dem Fernen Osten bereits, auf dem Markt des Asien-Pazifik-Raums einen Anteil von ein bis zwei Prozent zu erreichen, um im Wohlstand zu leben". Aber irgendetwas lässt vermuten, dass ein bis zwei Prozent für Russland nur zum Aufwärmen sind.

Lange Zeit galt der Ferne Osten als das Ende Russlands. Doch inzwischen ähnelt er immer mehr seinem Anfang – dem Beginn neuer globaler Routen, groß angelegter Produktionsprojekte und zahlreicher Export- und Kooperationsketten und vor allem einer neuen Sicht auf die eigene Geografie.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 3. September 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.

Mehr zum Thema - Putin: Kiews Drohung gegen Russlands Luftraum ist Staatsterrorismus

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.